05.06.2010 - Marathon Stockholm


13:30h: Vor mir liegen die berühmten 42,195 Kilometer. Meine Startnummer ist mit einem gelben Balken gekennzeichnet, bei der Anmeldung hatte ich eine Zielzeit von 4 Stunden angegeben. Ich bin noch nie einen Marathon gelaufen, es ist mein erstes Mal. Nun kommt mir meine Zielzeit doch etwas sehr optimistisch vor. Angemeldet habe ich mich bereits im November, da war ich noch voller Euphorie. Der Starttermin lag schließlich noch in weiter Ferne, reichlich Zeit zum trainieren, das war der Plan.
Doch wie immer verging die Zeit wie im Flug: Weihnachten, Jahreswechsel, Fasching, Ostern begleitet von permanentem Stressß in der Arbeit und familiären Verpflichtungen. Und schon sind wir in Stockholm. Wir, das sind drei Familien a drei Personen. Die Männer laufen, klassische Rollenteilung also. Jetzt steh ich hier und hoffe, dass ich das alles irgendwie überstehe. Die Stimmung ist gut, über die Lautsprecher kommen Durchsagen in allen möglichen Sprachen, auch in Deutsch. Viele Finnen sind am Start, vor mir steht einer mit Rock und freiem Oberkörper, Birkenzweig in der Hand, wahrscheinlich eine traditionelle Kleidung. Daneben steht ein Engel Aloisius im weiß blau rautiertem (Nacht-)Hemd mit Bierkrug aus Plüsch auf dem Rücken. Sport verbindet eben!

14:00h: Pünktlich fällt der Startschuss. Es dauert nicht lange und auch die Läufer um mich herum setzten sich in Bewegung. Meine Uhr hat heute Morgen Ihren Dienst aufgegeben, ich laufe ohne, muss mich also ganz auf mein Gefühl verlassen. Deshalb habe ich mit meinem Freund Oskar vereinbart dass wir –zumindest die ersten Kilometer- zusammen bleiben. Er ist eindeutig der schnellere von uns beiden, außerdem kann er schon auf fünf absolvierte Marathons zurückblicken. Der Mann hat Erfahrung, und das ist genau das, was ich jetzt brauche.

14:02h: Ich gehe über die Startlinie, jetzt ist es soweit, das Abenteuer hat begonnen. Oskar ist 1 Meter vor mir, jetzt nur nicht den Anschluss verlieren. Das Feld ist sehr eng, wenig Platz zum Laufen. Vor mir taucht eine Lücke auf, ich beschleunige, springe über eine kleine Verkehrsinsel und habe mir so etwas Platz verschafft. Ich schaue kurz zurück um meinen Partner zu suchen, aber der ist spurlos in der Menge verschwunden. Zu allem Überfluss teilt sich die Strecke auf einer Länge von ca. 1 Kilometer in 2 Stränge, damit habe ich nicht gerechnet und mir ist klar dass ich auf mich allein gestellt bin. So schlimm wird es schon nicht werden. Ich bin gut gestartet, habe auch gleich einen Rhythmus gefunden. Ca 20 Meter vor mir läuft ein Ballon mit dem Aufdruck 3:45. So lange der vor mir ist bin ich auf gutem Kurs und werde meine Zielzeit von 4 Stunden erreichen. Zur Stärkung habe ich habe 3 Packungen Gel bei mir und alle 5 Kilometer gibt es offizielle Zeitanzeigen an denen kann ich mich orientieren, was soll da noch schief gehen? Es läuft wirklich gut, die erste Verpflegungsstation lasse ich liegen. Ich genieße die Atmosphäre. Wir kommen das erste Mal ans Wasser, auf den „Strandvägen“ Richtung City. Seit dem Start stehen überall Zuschauer dicht an dicht und treiben uns mit Ihren „Heya Heya Heya“ Rufen an. Nun verlassen wir die Innenstadt und laufen Richtung „Gamlastan“. Kurz vor der Brücke glaube ich meine Frau rufen zu hören. Sehen kann ich Sie im dichten Getümmel leider nicht und sicher bin ich mir auch nicht. Ich freue mich trotzdem und hebe den Arm um ein Zeichen zu geben.

14:28h: Rechts ist der Palast, links eine große Bühne mit einer der zahllosen Musikdarbietungen. Dann sehe ich das erste Kontrolltor mit offizieller Zeitangabe. Die ersten 5 Kilometer sind geschafft. Ich bin viel zu schnell, sollte das Tempo drosseln, schließlich liegen noch gut 37 Kilometer vor mir. Jetzt geht es durch eine Unterführung. Oben sitzen Italiener und unterstützen mit Ihren „Forza Forza“ rufen nicht nur Ihre Landsleute. Wieder kommt eine der zahlreichen Brücken, diesmal ist es nur eine kleine Behelfsbrücke. Plötzlich bekomme ich weiche Knie und habe das Gefühl mich nicht mehr auf den Beinen halten zu können. Kreislaufprobleme? Schon nach dieser kurzen Distanz? Ein Blick nach rechts zeigt mir dass meine Mitstreiter die gleichen Probleme haben, es liegt also nicht an mir, die Schwimmbrücke wackelt tatsächlich! Also weiter, weiter immer weiter. Es kommt die große Herausforderung die „Västerbron Brücke“. Vor der hat man mich gewarnt. Ich will Sie laufend bewältigen, nicht gehend, was mir auch gelingt. Von hier oben hat man einen tollen Blick auf die Stadt den ich aber leider nicht genießen kann. Selbst hier stehen überall Zuschauer und ein Schwede heizt die Stimmung mit seinem „Getto Blaster“ zusätzlich an. Bergab kann ich meinen Vorsatz Tempo machen ohne Kraft zu vergeuden nicht in die Tat umsetzen, ich bin in der Menge „eingesperrt“. Aber der 3:45h Ballon ist immer noch kurz vor mir und ich fühle mich großartig.

14:55h: 10 Kilometer, also fast ein Viertel der Strecke ist geschafft und zwar deutlich schneller als geplant. Ich muss wirklich Tempo rausnehmen sonst laufe ich Gefahr das Ende nicht zu erleben. Wenn ich diese Stelle das nächste Mal passiere habe bin ich bereits 35 Kilometer gelaufen! Wir verlassen das Wasser, biegen links ab Richtung „Vasagatan“. An einer Brücke die wir durchlaufen steht unser persönlicher, familiärer Fan Club und feuert mich an, ich fühle mich wie Nurmi!

15:20h: 15 Kilometer sind geschafft ich bin immer noch zu schnell und beschließe den 3:45h Ballon ziehen zu lassen. Bis jetzt keine Probleme, keine Schmerzen. Die leichten Wettkampfschuhe waren die richtige Wahl und das Funktionsunterhemd in Verbindung mit dem aktuellen „Sport für Spenden“ Trikot sorgen für eine optimale Körpertemperatur. „Heya Heya Heya“ hallt es uns überall entgegen. Später werde ich in einem Bericht lesen, dass die Schweden keine Stimmung entlang der Strecke zu Stande gebracht hätten, das kann ich absolut nicht nachvollziehen. Langsam nähert sich die erste Runde ihrem Ende entgegen und das altehrwürdige Olympiastadion kommt näher. Ich fühle mich immer noch sehr gut, bin mir aber im klaren darüber dass die zweite Runde nicht nur länger sondern auch härter ist. In „Gärdet“ verlassen wir die Straßen und betreten großzügige Parkanlagen die sich leider auch als sehr hügelig erweisen. Viele Stockholmer Familien nutzen das schöne Wetter zu einem Ausflug ins Grüne und winken uns zu und feuern uns an. Insgesamt ist es jetzt aber etwas ruhiger als in der Stadt. Zeit das erste Gel konsumieren. Wie erwartet kommt kurz darauf eine Verpflegungstation bei der ich mit Flüssigkeit nachspülen kann. Ich bin gestärkt und laufe weiter.

15:48h: Jetzt geht es berg ab, in einer scharfen Rechtskurve ist schon von weitem die 21,1 Kilometerkontrolle zu sehen. Die Hälfte ist geschafft, kaum zu glauben aber noch immer läuft alles nach Plan. Ein LKW macht uns mit seiner auf der Ladefläche aufgebauten Musikanlage ordentlich Dampf. Wir nähern uns den königlichen Parks „Djurgärden“. Tolle Parkanlagen aber ständig geht es bergauf bergab, das ermüdet und kostet Kraft. Nicht nur mir geht es so, die ersten legen bereits Gehpausen ein. Ich kämpfe mich weiter, Meter für Meter, es beginnt zäh zu werden.

16:16h: 25 Kilometer liegen bereits hinter mir, nun kann es nicht mehr lange dauern bis wir aus den Königlichen Parkanlagen wieder raus sind. „Djurgärdvägen“: Bebauung und Anzahl der Zuschauer nehmen wieder zu. Eine Brücke, Linkskurve und wir sind wieder auf „Strandvägen“. Ab jetzt ist die Strecke von der ersten Runde her bekannt. Bei Kilometer 28 schlucke ich meine zweite Gel Packung. Kurz darauf, wie berechnet, die nächste Verpflegungsstation. Trotz Gel merke ich dass meine Kräfte deutlich schwinden. Es geht vorbei an der königlichen Oper mit den goldenen Säulen. Von überall her schallt es „Heya Heya Heya“. Bei der Fussball WM 1958 hat Deutschland gegen Schweden im WM Halbfinale gegen Schweden in Göteborg mit 3:1 verloren. Vermutlich war ein Grund die „Heya Heya Heya“ Rufe der schwedischen Fans! Bei Kilometer 28 höre ich ein „Servus Charly“ hinter mir. Oskar zieht vorbei. Wenn ich auf den ersten 25 Kilometern dachte ich könnte ihn EINMAL schlagen so weiß ich jetzt: „Heute nicht!“ Wir wechseln ein paar Worte, dann muss ich ihn ziehen lassen. Wieder geht es Richtung „Gamlastan“, meine Frau sehe ich nicht, dafür rückt die siebte Kontrollstation in Sicht.

16:45h: Jetzt sind es nur noch gut 12 Kilometer. Nur noch! Wieder kommt die „italienische Unterführung“ hier ist nach wie vor eine riesen Stimmung. Dann über die „schwankende Brücke“ nach „Södermälarstrand“. Am Wasser entlang erneut auf die „Västerbron Brücke“ zu. Ich bin schon ziemlich kaputt, nehme mir aber vor, diese Brücke auch diesmal laufend zu bewältigen. Noch ein Schluck an der Verpflegungsstation, dann durch eine der zahlreichen „Besprühungsanlagen“ und rauf geht’s. Noch ein Schritt, noch ein Schritt und noch ein Schritt. Irgendwann bin ich oben, laufend! Na also, geht doch! Jetzt wieder runter. Diesmal habe ich etwas mehr Platz als beim ersten Mal, mache zwar kein Tempo, kann mich aber etwas erholen. Jetzt noch eine Rechtskurve und die 35 Kilometer Kontrollstation ist erreicht. 17:17h: Jetzt wird es richtig eng, meine Kräfte gehen spürbar zu Ende. Ein Gel hab ich noch, das wird jetzt eingesetzt. An der Verpflegungsstation trinke ich noch zwei Becher. Auf der Strecke angebotene Essiggurken schlage ich aus, ebenso Schokolade und Traubenzucker. Wieder treiben mich die „Heya Heya Heya“ Rufe an, aber bei weitem nicht mehr so schnell wie auf der ersten Runde. Die Zielläufer mit der 4 Stundenmarkierung überholen mich. Ich kämpfe mich von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation, es ist nur noch eine Frage der Zeit bis meine erste Gehpause kommt. Bei Kilometer 38 ist es dann soweit. Ich nehme mir einen Becher, stelle das laufen ein und gehe. „Odengattan“, erst geht es berg ab aber dann wieder bergauf, wie soll das nur weitergehen? Ich versuche wieder ein paar Schritte zu laufen, aber das geht nicht lange gut. Krämpfe plagen mich. Jetzt
brauche ich einen ordentlichen Plan. Wieder sind es die Zuschauer am Straßenrand die mich antreiben: „Heya Heya Heya“. Da vorne ist bereits die 40 Kilometer Kontrollstation, dann sind es nur noch gut zwei Kilometer, eigentlich lächerlich!

17:51h: 40 Kilometer sind geschafft, jetzt wird wieder gelaufen! Ich werde den Marathon beenden und wenn ich auf allen vieren über die Ziellinie kriechen muss. Vor mir ist der Finne mit Rock und Birkenzweig den ich schon im Startblock gesehen habe. Als er eine Gruppe seiner Landsleute am Straßenrand trifft gibt es ein fröhliches Halligalli. Ich kämpfe mich weiter, sehe schon den Turm vom Stadion. Von überall her kommen Anfeuerungsrufe: „Heya Heya Heya“. Jetzt noch am Stadion vorbei und dann noch mal um die Ecke zum Marathontor. Nur nicht stehen bleiben, immer weiterlaufen. Jetzt rechts durch den Tunnel, dann bin ich im Stadion!

18:05h: Das Stadion ist voll besetzt, die Leute jubeln. Ich bin auf der Tartanbahn. Gerade - Kurve - Gegengerade. Ich gebe noch einmal Gas, einen richtig schönen Schlussspurt bekomme ich noch hin, dann ist es geschafft. Bei 4 Stunden, 4 Minuten und 58 Sekunden blieb meine Wettkampfuhr stehen. Meine Familie erwartet mich, ich bin erschöpft aber glücklich. Ich setze mich noch ein wenig im Stadion hin um die Stimmung zu genießen und die Eindrücke in mich auf zu saugen.

18:20h: Wir müssen das Stadion verlassen und gehen zum „Östermalms IP“. Dort gibt es Medaille und „Finisher Shirt“. Eine kniehohe Stufe stellt für mich ein unüberwindbares Hindernis dar, aber egal, es gibt einen Weg um die Stufe herum. An einem sonnigen Plätzchen finde ich auch Oskar wieder, er ist mit seinen 3:47:02 sehr zufrieden. Ich bin jetzt zu gleichen Teilen hungrig, müde, durstig und glücklich. Es gibt noch ein paar Erinnerungsfotos, dann gehen wir zur U-Bahn um ins Hotel zu fahren. „Jetzt bist du auch ein Marathoni“ schießt es mir durch den Kopf und dann überlege ich bei welcher Gelegenheit die 4 Stundenmarke geknackt werden könnte!

Karl Schuster
Gruppe 2
Läufer 24

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16.06.2010 - LEX Spendenlauf und 3. Treppenrennen
01.05.2010 - Kamener Volkslauf