05.09.2010 - Halle anderS


Mein letzter Beitrag für diese Seite liegt nun auch schon wieder eine ganze Weile zurück, Zeit mal wieder "Laufend Gutes zu tun", diesmal in meiner Geburtsstadt Halle. Dass Politiker hier nicht immer gern und herzlich empfangen werden, musste der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl am eigenen Leib erleben, der legendäre Eierwurf und -treffer auf ihn, ging in die deutsche Geschichte ein.
Aber es gibt natürlich auch andere sportliche Leistungen, Olympiasieger, Welt- und Europameister im Schwimmen, Rudern, Turmspringen, Diskus, Speerwurf, Boxen, Judo, Ringen ... kamen und kommen von hier. Und da ist auch noch der zweifache deutschen Olympiasieger im Marathon, der hier ein Sportgeschäft betreibt und Initiator des Mitteldeutschen Marathon (MDM) ist. In seinem Laden hängen überdimensionale Finisher-Fotos aus glorreichen Tagen, auch sein Sohn Falk ist auf den Spuren seines Vaters unterwegs, ebenfalls als Spätstarter auf der Marathondistanz.
In diesem Jahr feiert der MDM seine 9. Auflage und natürlich sind hier auch Gäste herzlich willkommen ☺

Eigentlich bin ich schon wieder auf dem Weg nach Bayern, beruflich wie privat, spätestens am 10.Oktober bin ich zum Marathon auch wieder in München. So melde ich mich erst am Tag zuvor zum Halbmarathonlauf an, es soll der letzte große Wettkampf vor München werden. Wie immer "the same procedure like last year" Startnummer in Empfang nehmen... Die Marathonmesse ist überschaubar und besteht nur aus einem Stand von "Waldis"-Sportladen, hier werden reduzierte Laufschuhe der Vorjahreskollektionen angeboten. Wer holt sich denn noch am Vorabend neue Schuhe, schießt es mir durch den Kopf, wie sinnvoll sind den derartige Angebote...
Entsprechend dürftig zeigt sich auch der Inhalt des Wäschebeutels: Produktproben oder Sponsoringartikel - Fehlanzeige, hier wird Werbung in eigener Sache gemacht.
Jetzt kurz bei der "Nudelparty" vorbeischauen. Diese ist nur wenige Meter vom Anmeldebüro entfernt, mitten auf dem Marktplatz. Aus einer Gulaschkanone bietet ein ortsansässiger Metzger und Caterer weiße teigige Röhren mit Hackfleischfasern in ebenso weißen Plasteschalen mit materialgleichen Besteck an.
"Carboloading" kling natürlich hochwissenschaftlich und glaubhaft, dafür völliger Unsinn, denn seine Kohlehydratspeicher kann niemand nur durch einmaliges Nudelessen auffüllen und vergrößern. Aber Tradition ist doch auch was Schönes. Was daran allerdings eine Party ist, werde ich wohl nie erfahren.
Ob es beim Florenzmarathon auch derartigen Teigbrei gibt, oder wird dann der dortige Gastronom nach Deutschland ausgewiesen???
Für Gäste werden diese Portionen für 3 € angeboten- ich verzichte auf eine weitere Schüssel. Sitzgelegenheiten gibt es nicht, auf Essen im Stehen habe ich keine Lust und so nehme ich meine Portion mit nach Hause.
Dort muss ich feststellen, dass meine Stubentiger ebenfalls keinen Bedarf darauf verspüren, offenbar sind sie Besseres gewohnt.
Noch eine kurze Laufeinheit und dann was gscheides Essen. Irgendwie schmeckt meine Pasta besser, natürlich al dente und mit fruchtiger Tomatensauce.
So nun kann es am Sonntag losgehen bzw. -laufen. Eigentlich darf ich gar keine großen Ziele haben, hat mein Coach mir gesagt. Der Lauf soll nur meine Form bestätigen, also 1:36h, wie in Leipzig, reichen.
Es stehen noch 2 Wochen Spitzentraining für mein Marathondebüt in München auf dem Programm. Doch welcher Sportler lässt sich schon gern bremsen, etwas Verbesserung muß schon seit, vor allem wenn man die Strecke nicht kennt. *ggg*
1:35h klingt besser, 1 Minute Verbesserung sollte doch leicht zu schaffen sein und mich auch nicht so fertig machen, dass ich 2 Wochen Erholung brauche...

Der unnachgiebige Ton des Weckers reißt mich aus dem Schlaf, zum Glück ist der Start nur wenige Meter von meinem Haus entfernt, irgendein Vorteil muss das Wohnen mitten im Zentrum einer Stadt ja auch haben. Bis zum Startschuß um 10.30 Uhr habe ich noch genügend Zeit, also erst mal in Ruhe Frühstücken. Toast mit Honig oder Konfitüre ist ja der Klassiker, ich entscheide mich für die amerikanische Art. Erdnussbutter soll ja laut der Aussage von Nancy Clark "wahre Wunder bewirken", ich werde das noch im Laufe des Rennens erleben.

Der Veranstalter möchte uns die Schönheit der Natur sowie etwas Stadtgeschichte näherbringen, und führt die Strecke unabhängig von Wetter der vergangenen Tage durch die Grüne Lunge Halles. Diese Strecken finden sich auch in einem speziellen Laufführer, über Schönheit und Untergrundbeschaffenheit, also Attraktivität herrschen eben verschiedene Ansichten.
Der Start wird sich um 7 Minuten verschieben, man möchte einen gemeinsamen Zieleinlauf aller Teilnehmer, auch die bereits eine Stunde zuvor gestarteten Marathonis sollen zeitgleich ankommen. Irgendwann fällt der Startschuss, das Anzählen wurde offenbar "vergessen". In habe mich im hinteren Drittel aufgestellt, dann kann ich ja nur noch besser werden und die Motivation des "Jägers" ist doch schöner als die des Gejagten, solange man nicht Erster ist. *lol*
Hinter uns starten die Walker, die brauchen nur eine 10km Runde zu absolvieren.
Es geht los mit einer Einführungsrunde durch die Innenstadt, diese ist genau 1 km lang und führt mitten durch die Einkaufsmeile, vorbei am Rathaus und wieder zurück zum Start. Die 10 Kilometer-Läufer des gestrigen Tages mussten diese Runde 10 mal absolvieren, es wenn es keine bessere Alternative gegeben hätte. Sieger wurde, wie nicht anders zu erwarten, der Sohn des Veranstalters.
Die engen Altstadtstraßen im Hintergrund, geht es nun auf die Hochstraße, die bauliche Verbindung zwischen der Altstadt und dem Neubaugebiet. Unsere Seite ist heute autofrei. Die Strecke kommt mir ziemlich eben vor, langsam nehme ich Fahrt auf. Doch schon verlassen wir die Fahrbahn und steuern auf das erste Highlight zu. Die Rabeninsel ist ein städtisches Naherholungsgebiet und soll eine der beliebtesten Laufstrecken der Stadt sein, leider ist dies nur bei trockenem Wetter der Fall, auch ist dieses Gelände aufgrund der umgebenden Wasserflächen als "Mückenparadies" bekannt. Bei einem Besichtigung vor einigen Wochen habe ich dies am eigenen Leib verspürt, mein Spiegelbild erinnerte mich an die Beulenpestopfer des Mittelalters. Auf dem Weg liegen auch noch größere Äste, vielleicht kommt der Lauf ja noch in die Trail-Wertung...
Nun sind wir schon 5 km gelaufen, von einer Verpflegungsstation keine Spur. Stattdessen erinnert mich mein Magen in unregelmäßigen Abständen an meine Frühstücksmahlzeit und möchte wohl, dass ich mir diese noch einmal durch den Kopf gehen lasse. Vielleicht war die Erdnussbutter ja doch kein so guter Tipp, schließlich habe ich auch von noch keinem US-amerikanischen Marathongewinner erfahren.
Naja, zum Glück bin ich wieder mal Selbstversorger, 1/2 Liter Flüssigkeit trage ich nicht umsonst bei derartigen Läufen mit mir und kann die Situation retten. Endlich raus aus der "Prärie", es geht wieder auf zivilisierte Pfade, also Asphalt. Jetzt ist auch endlich die erste Verpflegungsstation in Sicht, wir sind bei km 6. Wasser zum Abkühlen und weiter, der Lauf führt uns auf die Peißnitzinsel, dem größten Naherholungsgebiet der Stadt. Letzte Woche war hier das größte Volksfest der Region mit 75.000 Besuchern bei strömendem Regen. Die Spuren der Schlammschlacht sind noch immer zu erkennen, auch wenn die Strecke größtenteils daran vorbei führte. Weiter geht es, die Kilometerangaben auf den Schilder haben bereits die Halbzeit eingeläutet. Bei der nächsten Wasserstelle landet meine Erfrischung im linken Nasenloch, ich muß laut prusten, das Ganze erinnert mich irgendwie an Chlorwasser im Schwimmbad, allerdings in Kühlschranktemperatur. Na ein Glück, dass ich dieses "Gesöff" nicht getrunken habe, schließlich hat sich mein Magen noch immer nicht beruhigt. Doch inzwischen meldet er sich im Abstand der Kilometerangaben, da habe ich sogar etwas Orientierung. Etwas Gutes hat die Strecke doch, sie wird von hohen Bäumen begrenzt, somit haben wir Schatten. Die Temperaturen nähern sich inzwischen der 20 Grad-Marke. Ich schaue mitleidig auf die Läufer in langen Laufbekleidung, zum Glück habe ich das Wetter richtig eingeschätzt. Ich merke allerdings, dass ich etwas langsamer werde, mein Rückstand beträgt jedoch erst 9 Sekunden. Jetzt kommt eine lange Steigung hinauf zur Burg Giebichenstein, einem der Wahrzeichen unserer Stadt und zugleich Kunsthochschule des Landes Sachsen-Anhalt. Im Innenhof hat sich ein Trio der klassischen Musik versammelt, als ich vorbeilaufe sind die Drei gerade beim Stimmen ihrer Instrumente. Na Klasse, denke ich mir. Über das Kopfsteinplaster des Innenhofes und die Giebichensteinbrücke zum anderen Ufer der Saale und einen langen Abhang hinunter. Ich bekomme Fahrt und gewinne wieder ein paar Plätze. Trainingseinheiten mit Hügelläufen machen eben doch Sinn. So lassen sich auch die weiteren Kilometer gut überstehen, angefeuert durch ein paar Zuschauer sowie den bunt gestalteten Kilometerangaben. Hier haben hallesche Kindertagsstätten (KITA) ganze Arbeit geleistet. Ich versuche noch immer mein Tempo wiederzufinden, der Rückstand bleibt. Ich suche nach Sportlern, die ich einholen kann, da der Läufer mit dem Trinkrucksack, dort ein "Sportler" mit mp3-Player, das ist ja noch schlimmer als Stockläufer, viele Grüße an Achim Achilles.
Doch irgendwie komme ich nicht so recht vorwärts, der Abstand bleibt. Soll es das schon gewesen sein. Wir laufen bzw. stolpern über 200 m Schotterpiste, jetzt haben wir alle Bodenbefestigungsarten kennengelernt, die Aufnahmeprüfung Geologie der Halleschen Uni dürfte damit zu bestehen sein.
In Augenhöhe taucht die Hochstraße auf, die uns direkt zum Ziel führen wird. Wieso laufen die Läufer jetzt alle so langsam, mir kam die Strecke auf dem Hinweg ziemlich eben vor. Doch halt, es geht wirklich bergauf, zwar mit geringer Steigung aber verdammt lang. Noch 2 Kilometer, also 5 Stadionrunden, das ist deine "Aufwärm- bzw. Auslaufstrecke", denke ich mir. Noch mal den Turbo zünden, die letzte Flasche als Motivation und dann ab die Post. Ich kann mein Tempo steigern und überhole einen Läufer nach dem Anderen. Wie deprimierend muss das jetzt sein, wenn plötzlich aus dem "Nichts" jemand einen Zahn zulegen kann, wo doch alle bereits erschöpft sind? Ich kann schon die Stimme des Zielsprechers hören, na dann noch mal Tempo verschärfen. Im Sprinttempo eile ich dem Ziel entgegen, es sind noch 300 m, Zähne zusammenbeißen, ach ja lächeln, es werden Bilder geschossen. Vor mir 2 Walker, die euphorisch begrüßt werden, da schnelle ich in Windeseile vorbei, so schnell, dass der Sprecher meine Startnummer mit dazugehörigem Namen gar nicht mehr mitbekommt. Uhr stoppen und ablesen ... ... 01:33:59 steht auf meiner Uhr, wenn alles stimmt, dann habe ich mein Ziel geschafft.
Im Ziel bekomme ich meine Medaille umgehängt, nach Krapfen (Berliner, Pfannkuchen) ist mir nicht zumute, auch wenn diese vermutlich ganz deutsch mit Erdbeerkonfitüre gefüllt sein dürften. Erdnussbutter ist eben doch nur etwas für Amerikaner, auch wenn mich mein Frühstück inzwischen in Ruhe lässt. Banane und Cola kommen mir da eher entgegen.
Zum Glück muss ich nur wenige Meter bis zu meiner Wohnung laufen, ein heißes Bad, von meinem Fenster auf die letzten Läufer der Hochstraße schauen, die direkt an meiner Wohnung vorbeigeht. Das Besenfahrzeug ist bereits vorbeigefahren, die Polizei macht die Strecke wieder frei, da sollten doch auch schon die ersten Ergebnisse im Internet stehen. Immer wieder rufe ich die Seite von Mika-Timing auf, jetzt endlich sind diese Online. Die Ergebnisse sind nach Brutto-Zeit sortiert, also muss ich die Ergebnisse exportieren und neu sortieren. Doch dies hat der Veranstalter nicht vorgesehen, die Funktion existiert nicht, ebenso wenig wie der Urkundenausdruck. Dann lasse ich mir meine Zeit eben auf die Rückseite der Medaille gravieren, doch was ist das? Auf der Vorderseite erkenne ich die Silhouette unserer Stadt und davor einen Läufer mit schütterem Haar und der Startnummer 51. Das wird doch wohl nicht etwa, ein kurzer Blick bei Wikipedia, dann habe ich Gewissheit, dies ist die Zieleinkunft in Montreal 1976.
Mehr Personenkult gab es nur in der früheren DDR und Sowjetunion als Plätze und Städte nach noch lebenden Personen benannt worden. Hoffentlich bleibt dies meiner Heimatstadt Halle erspart!!!
Da fällt mir doch ein, dass der Sportgeschäftsinhaber sich auf seiner Homepage noch immer über den verpassten 3 Olympiatitel beklagt, hervorgerufen durch den Olympiaboykott der Ostblockstaaten 1984. Das die ehemalige DDR ein sportliches Eldorado mit ungeahnten Möglichkeiten war, die sich nicht (mehr) bezahlen lassen, wird an dieser Stelle verschwiegen, ebenso, dass der Hallesche Marathon im Gegensatz zu vielen anderen mit rückläufigen Teilnehmerzahlen zu kämpfen hat. Gerade einmal 220 Starter bei der Königsdisziplin, sind auch für einen 2-fachen Olympiasieger nicht gerade ein Aushängeschild an Organisationsfähigkeit, die gemeinsame Organisation eines Mitteldeutschen Marathons mit der Stadt Leipzig wurde vor einigen Jahren im Streit beendet.
Besinnt euch endlich mal wieder auf die wirklich wichtigen Dinge, dann werden auch weitere Starter kommen. Insgesamt haben 5.600 Teilnehmer an 9 verschiedenen Disziplinen teilgenommen, bei Halbmarathon war ich einer von 1.003, ach ja Platz 129 mit 01:33:56h.

Thomas Spitzner
(Team 1, Läufer 28)

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25.09.2010 - 4. Sport für Spenden - Lauf
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