14.06.2013 - 100 km-Lauf Biel



Schweiz, Biel, 07.06.2013, 22:00 Uhr: Start zum 100 km-Lauf, am Start rund 1.100 Läuferinnen und Läufer, darunter – soweit ersichtlich – nur ein einziger Sport-für-Spenden-Läufer, meine Wenigkeit. Was ging voraus? Konsequentes Kilometersammeln, kein Auto, kaum S-Bahn, alles zu Fuß, ausnahmsweise zum Gerichtstermin in Leipzig nicht gelaufen, sondern mit dem Zug gefahren; acht Läufe zwischen 45 km und 62 km, von denen ich weiß, dass ich ohne Weiteres bis Kilometer 65 komme. Aber danach? Unbekanntes Niemandsland, wahrscheinlich schmerzhaft, nur mit Adrenalin und Tapferkeit zu durchqueren.

Dabei – als ausdrücklich erlaubte Fahrradbegleitung – mein Schulfreund Dr. Alexander Schuster und – im Starterfeld zu meiner großen Überraschung - wieder der Läufer der LG Mettenheim, dem ich mit Mühe am 24.02.2008 in der Winterlaufserie des Olympiaparks (10/15/20 km) den Altersklassensieg entreißen konnte.


22:00 Uhr: Startschuss, es geht locker 5 Kilometer unter lautem Beifall der Zuschauer durch Biel (eines der Zentren der Schweizer Uhrmacherei), dann in die immer dunkler werdende Umgebung. 10 Kilometer bei 50:30, bei etwa 22 Kilometer kommen in Lyss die schon vorher gestarteten Fahrradbegleiter dazu.


Es geht auf und ab, links und rechts, kreuz und quer auf kleinen und kleinsten Straßen durchs Schweizer Land, alle 10 km ein Verpflegungsstand. Offenbar ist der Lauf in diesen Dörfern der Jahreshöhepunkt; die ganze Nacht durch sind Zuschauer mit Musik, Bänken und Getränken auf der Straße und applaudieren. Schließlich hilft die Stirnleuchte, unverändert treu neben mir mein Fahrradbegleiter, schweizerisch: der Velo-Coach.

Bei Kilometer 55 werden die Beine allmählich schwer, ich muss bis zum Verpflegungsstand bei Kilometer 56 gehen, die Beine nicht mehr hochzubringen; dort kommen wir in 5:47 Stunden an.


Danach werden Läufer und Fahrradbegleiter wieder getrennt. Dann, auf dem Emmendamm, dem sogenannten „Ho Chi Minh“-Pfad, ein winziger Weg entlang eines Kanals, kommt die große Überraschung: Der grauenhafte Boden mit Steinen tut Wunder, auf einmal kann ich wieder laufen, die Stirnlampe ist nunmehr unentbehrlich, bald sind 10 km in 60 Minuten zurückgelegt. Gegen Ende des „Ho Chi Minh“-Pfads setzt das Morgengrauen ein; selten war ich so froh, wieder das Tageslicht zu erblicken: Licht am Ende des Tunnels!

Ab dem Verpflegungsstand bei Kilometer 73,5 wird es wieder grauenhaft: die Kraft der Beine ist völlig weg, es sind noch 26,5 km, es hilft nichts mehr; also Zähne zusammenbeißen, gehen bis zur nächsten Verpflegungsstation bei Kilometer 76,5 mit Einnahme der von meiner Frau fürsorglich mitgegebenen Schüssler-Salze (Magnesium und Kalium).

Ab der Verpflegungsstation bei 76,5 km (dort in 8:55 Stunden) ein fester Vorsatz: der Berg wird hochgegangen, dann abwärts langsam laufen. Keiner der 100 KM-Läufer kann mehr den Berg hochlaufen, nur noch gehen, gelegentlich ziehen noch Stafettenläufer vorbei. Unten kommt wieder etwas Kraft in die Beine, dann wieder schneller, dann ist die Kraft wieder weg. Wir gehen etwa 10 km am Nidau-Büren-Kanal entlang, auch das Gehen fällt immer schwerer, die Schritte werden immer kürzer. Klar ist jetzt aber: Das Ziel wird mit Gewalt erzwungen, notfalls kriechend.

Immer näher rückt Biel, die ersten Uferwege kommen, jeder Läufer – egal wie langsam – erhält Beifall von den Passanten. Dann: Schock bei Kilometer 97, der Läufer der LG Mettenheim zieht vorbei. Das kann doch gar nicht sein. Auf einmal ist die Kraft wieder da, ich kann die Beine wieder heben, Endspurt 3 km lang, der LG-Mettenheimer fällt zurück und verschwindet, alle anderen Läufer auch. Kurz vor dem Ziel ein Zuruf von meinem Fahrradbegleiter: bei 400 Meter in 3 Minuten schaffen wir noch unter 13 Stunden; dann Zieleinlauf mit Fahrradbegleiter bei 12:59:14. Au, au, au, tun die Beine jetzt weh. Weitere Läufer kommen ins Ziel, eine französische Läuferin weint vor Rührung, einer kann nur noch Schritte von 20 cm machen; später stellen wir fest: Noch über die Hälfte der Läuferinnen und Läufer ist noch nicht im Ziel, müssen bei brütender Hitze Kilometer um Kilometer kämpfen.

Fazit (nach einem Tag): Wer so etwas macht, sollte viel Zeit mitbringen und schmerzunempfindlich sein.

Fazit (nach zwei Tagen): Irgendwann musst Du nach Biel (Zitat)!

Gratulation zu 100km reinem Wahnsinn!

Michael Kanis - SfS Ultraläufer

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