16.06.2010 - LEX Spendenlauf und 3. Treppenrennen

"Run for Human Going"- Laufen, damit andere Menschen wieder gehen können
Der etwas andere Spendenlauf

Wenn wir von Äthiopien im Zusammenhang mit Laufen hören, denken wir sofort an Haile Gebrselassie und Kenenisa Bekele , begnadete Weltklasseathleten und Begründer eines neuen Laufstils, der auch uns in den Bann zieht. Zum äthiopischer Straßenlauf kommen Läufer aus der ganzen Welt, einmal in das Mutterland der "Neuen Laufbewegung" einmal den Stars ganz nahe sein. Beim letzten "Great Ethiopian Run" über 10 km nahmen 33.000 Läufer teil. Das alles unter erschwerten Bedingungen, bei 2.500 m über dem Meeresspiegel ist der Luftsauerstoff rund 30% dünner, das Vorwärtskommen beschwerlicher. Es gibt nur noch wenige Hauptstädte die höher gelegen sind.
Leipzig hat schon seit mehreren Jahren eine Städtepartnerschaft mit Addis Abeba, der äthiopischen Hauptstadt, und so ist es eigentlich kein Wunder, dass sich die Organisatoren des diesjährigen Spendenlaufs im Rahmen des deutschlandweiten "Lex-Spendenlaufs" unterstützt von dem Sportartikelhersteller "New Balance" ein Spendenprojekt in Äthiopien gewählt hatten.
Das die Mehrheit der afrikanischen Menschen in Armut lebt, dürfte bekannt sein, dass Barfußlaufen eine schlimme Krankheit hervorrufen kann, sicherlich nicht. Wie froh sind wir, wenn wir einmal Sand an unseren nackten Fußsohlen spüren, viele Ärzte verordnen Barfußlaufen gegen Fußfehlstellungen, Lauftrainer beschwören diese Methode als DIE Wunderwaffe zur Lauftechnikverbesserung... und im "Geburtsland" der neuen "Laufwunder" soll das plötzlich alles anders sein ???
Doch wenn Haile Gebrselassie Schirmherr für ein medizinischen Hilfsprojekt in seinem Heimatland ist, dann sollte es wert sein, sich damit etwas genauer zu beschäftigen.
Die "Moosy Foot Stiftung" setzt sich für Menschen in der Provinz Wolaita (Südäthiopien) ein, die an der sog. "Elefantiasis" erkrankt sind. Armut und Tradition lassen diese Menschen barfuß laufen, selbst beim Bearbeiten ihrer Äcker hinter dem schweren Ochsen-Pflug. Die dort vorherrschende rote Vulkanasche enthält größere Mengen winzig kleiner Silikatpartikel, die vom menschlichen Auge nicht wahrgenommen werden können. Diese kleinen Glassplitter können zu Gewebeentzündungen führen. Auffälligstes Merkmal ist ein Anschwellen der Füße mit starken Wucherungen, die Form ähnelt dann einem Elefantenfuß - daher der Name der Krankheit.
Doch nicht alle Menschen sind davon betroffen, "nur 10 %" erleiden dieses Schicksal. Der Aberglaube der streng religiösen Menschen dieser Region führt zu einer sozialen Ausgrenzung der Erkrankten, die Krankheit sei "Gottes Wille" bzw. "Gottes Strafe". Dabei muss sie kein dauerhaftes Schicksal sein. Es ist es gar nicht so schwer diesen Menschen zu helfen: durch lindernde Wundverbände, tägliche Hygiene und das Tragen von Schuhen können diese Menschen wieder sprichwörtlich auf die Beine kommen..
Doch all diese Maßnahmen kosten Geld. Durch den diesjährigen Lauf wollten die Organisatoren (und Läufer) einen Beitrag hierzu leisten.

"LEX Spendenlauf und 3. Treppenrennen" stand auf dem Plakat was ich vor wenigen Tagen bei einem Besuch im "Leipziger Laufladen" gesehen hatte. Treppenrennen kenne ich bisher nur von meinem Trainingsprogramm, ich bin immer froh, wenn diese Einheit vorbei ist. Ich weiß zwar vom "trainingswissenschaftlichen Fortschritt" den eine solche Einheit bringen soll, aber auch, dass mir das während der Ausführung egal ist. Ich "verfluche" dann eher meinen Trainer für diese Einheit. Also warum eigentlich das dann freiwillig?
Ach ja, da gibt es ja den guten Zweck, vielleicht lerne ich ja dabei, wie gut es tut, laufen und gehen zu können, möglicherweise kommt während des Wettkampfs noch eine dritte Fortbewegungsart hinzu.

Der Lauf findet am Völkerschlachtdenkmal statt, doch diesmal geht es nicht nur daran vorbei, wie beim Leipziger Marathon vor einigen Wochen, sondern hoch hinauf, genau gesagt bis zur Ruhmeshalle, die sich in ... Meter Höhe befindet.
Majestätisch, in den Himmel ragend erstreckt sich dieses Bauwerk und Symbol des vereinten Europas vor mir, als ich mich am Eingangsportal zum Laufen registriere. Eine Spende für den Lauf, sowie die Startgebühr für den Wertungslauf, dann kann es losgehen. Der Spendenlauf besteht aus einer Runde um den See, dann die Treppen hinauf zur Ruhmeshalle, wieder hinab, 700m - bei Bedarf kann das ganze zwei Mal wiederholt werden und als Vorbereitung für den anschließenden Wertungslauf genutzt werden. Dieser beinhaltet 10 Runden in der beschriebenen Art. Macht zusammen 7 km bei einem Höhenunterschied von insgesamt 350m. Damit kann ich wenig anfangen, aber ich sehe am Start viele Jugendliche und Kinder aus Leipziger Schulen, die jüngste Teilnehmerin des Spendenlaufs ist gerade mal 8 Jahre, dann sollte es doch für mich kein Problem sein...
So langsam trudeln die Teilnehmer ein, etwa 150 werden es trotz Fußball-WM werden. Die Zeit bis zum Start vergeht wie im Flug- ausreichend trinken, es ist selbst jetzt gegen 19.00 Uhr noch richtig warm. Es hat im Vorfeld jeden Mittwoch auf dieser Strecke Trainingsmöglichkeiten gegeben, ich werde im Laufe des Rennens den Sinn erst so richtig verstehen.
Die Uhr wird herunter gezählt, jeder darf sein Tempo laufen, es zählt keine Zeit, sondern nur die Teilnahme und die Möglichkeit des Kennenlernens der Strecke für den Hauptlauf. Also nicht zu schnell starten, ruhig angehen... geht das wirklich? Irgendwie ist doch immer auch etwas sportlicher Ehrgeiz dabei, man möchte sich keine Blöße geben...
Die Strecke um den See ist ganz easy, der Treppenabschnitt (26 Stufen bergab, 26 Stufen bergauf) am Eingang des Sees gut zu durchlaufen. Am Ende des Sees geht es scharf rechts zum ersten Hindernis: 42 Stufen, senkrecht nach oben, die Treppenhöhe ist für Zwerge gemacht. Zwei Stufen sind möglich, drei gefährlich, eine Stufe zu leicht, die Tiefe ist für Schuhgröße 35-39, ich habe 46,5. Offenbar wurde um 1913 noch nicht nach DIN-Norm gebaut, Sachsen hielt es schon damals mit der sprichwörtlichen deutschen Genauigkeit nicht so streng. J
Jetzt kommen 68 Flachstufen und ich befinde mich vor dem Aufgang zur Ruhmeshalle. Schon jetzt bemerke ich die Anstrengung des Laufs, es folgen 36 Treppen und die selbe Anzahl nach unten, 5 Meter auf dem Podest und wieder 36 Treppen nach oben, eine Kehre und die gleiche Treppenanzahl zurück. Am Wendepunkt "weisen Ordner den Weg", vielleicht bewachen Sie ja auch nur, dass nicht einer irgendwie schummelt...
Wieder 68 Langtreppen und 42 Steiltreppen nach unten, tief Luft holen am Start vorbei, mit einem süßen Lächeln, "Mann" möchte sich schließlich nichts anmerken lassen...

Das Ganze noch 2 Mal, wer A wie Anfang sagt, muss auch W wie Wiederholung sagen... ich denke schon gar nicht mehr an den anschließenden Wertungslauf, möchte nur mit einer "guten Figur" im Ziel ankommen.
Die Besten der Kleinsten werden mit Preisen belohnt, viele von ihnen sind die kompletten 3 Runden gelaufen, was nicht nur bei mir Respekt hervorruft.
Die Zeit der Erholung ist viel zu kurz, Zeit für eine kurze Zwischenmassage bleibt nicht, noch schnell den letzten Schluck aus der Trinkflasche, schon geht das erneute Zählen wieder los. Ich habe mir vorgenommen das Rennen ruhig zu beginnen, vergleiche es eher mit einer Trainingseinheit mit positiven Effekt, diesmal auch für andere Menschen. Ich finde Gleichgesinnte und erfahre, dass alle Zeiten unter 1 Stunde für das erste Rennen mehr als ok sind? Mir fehlt jeder Vergleich, ich bin gewohnt Laufstrecken dieser Länge mit einem Tempo von etwa 4:30/km zu laufen, mir wird allerdings bewußt, dass dies für heute Utopie sein dürfte.
"Dabei sein ist alles"- lautet der olympische Gedanke, wie wahr dieser Spruch ist, wird mir im Verlauf des Laufes noch bewußt.
Ruhig startend, das eigene Tempo finden, geht es auf die Laufstrecke. Nur noch 28 Teilnehmer sind verblieben, darunter sind 6 Frauen, Der älteste Teilnehmer ist 58 und eine Frau, der jüngste Teilnehmer ist 15 und männlich. Ich liege genau dazwischen, zumindest vom Alter. So beginne ich ruhig, Steigern kann ich mich noch immer am Ende, obwohl mir schon prophezeit wurde, die letzten Runden in der 3. Fortbewegungsart (Hochziehend bzw. Kriechen) absolvieren zu können. Dafür verteilt sich das Feld sehr schnell. Die ersten sind schon am Treppenaufgang zum Denkmal, da bin ich noch auf der Seerunde, als ich den ersten Treppenaufgang erreiche, sind die Schnellsten schon auf der zweiten Runde. So langsam schwant mir das Unheil, doch ich habe bisher noch keinen Wettkampf abgebrochen, und ich werde auch an dieser Stelle diese Tradition nicht brechen.

So langsam erreiche ich die Stufen zur Ruhmeshalle, mir kommen die Bilder von Rocky Balboa in den Sinn, dieser konnte auf dem Plateau jubeln, danach ist mir momentan nicht zumute. Wenn Rocky die Strecke ebenfalls noch 9 Mal absolvieren müsste, ob er sich dann auch so gefreut hätte? Vielleicht sollte Sylvester Stallone die nächste Fortsetzung mal am "Völki" drehen, Filmstudios gibt es auch in Leipzig. Aber wahrscheinlich würde er da selbst mit Botox verdammt alt aussehen. Ich laufe am Ziel vorbei, in gewohnter Manier, die Zuschauer zu beklatschen, ah jetzt verstehen sie den Sinn, und klatschen zurück, offenbar funktioniert dieses Variante überall.
Ich habe in Carsten einen guten Mitläufer gefunden, sein Lauf-Shirt widmet er seiner Tochter, mein "Sport für Spenden"- Shirt soll an bedürftige Menschen in und um München erinnern. Carsten hat mir schon verraten, dass er dieses Jahr in Athen dabei sein wird, auch ich trage mich mit dem Gedanken. 2.500 Jahre nach dem ersten Marathon, ein derartiges Großereignis wird es wohl erst wieder zum 3.000 Jahrestag geben. Ich wäre dann 539 Jahre, der älteste Mensch der Welt und wohl auch der älteste Teilnehmer dieser Veranstaltung lol
Na ja so lange noch etwas Spaß beim Laufen ist, vergeht die Zeit etwas schneller, die zweite Runde, die dritte Runde, wieder kommt mir die Torte mit den fehlenden bzw. den noch vorhandenen Stücken in den Sinn, Mathematik kann so grausam sein, mein "Laufuhr-Produzent" hat mir diese Grafik noch nicht aufgespielt, so muss ich mich auf der Strecke mit Wasser und Riegelstücken begnügen. Trotz noch immer sommerlicher Temperaturen nutze ich die Erfrischung nur um einen kühlen Kopf zu bewahren, mein Shirt hat auch etwas abbekommen. An Essen möchte ich jetzt gar nicht denken, ich lehne danken die Riegelstücken ab. Irgendwie kommen einem die Treppen immer mehr vor, ob das den anderen Teilnehmern auch so geht? Oder baut etwa jemand extra für mich die Treppen noch weiter nach oben??? Carsten kommt mit den Treppen offenbar besser zurecht, das ist also die Erfahrung des Vorjahres. Dafür kann ich auf den anschließenden Runden wieder Zeit gut machen. Die ersten Teilnehmer sind auf der letzten Runde, irgendwie hat meine Uhr eine Runde vergessen, wieviele Runden sind es doch gleich noch mal? Carsten nennt mir auf meine Frage zunächst die Uhrzeit- super, als wenn die jetzt noch eine Rolle spielt. Also doch, wir sind in Runde 6, noch 4 Runde laufen. Wie schön wäre es jetzt, wenn die Einführungsrunden mit zählen würden. Aber mit der Gewißheit, mehr als die Hälfte geschafft zu haben, nehme ich den Rest in Angriff. Wieder am Ziel vorbei, wieder Begeisterung hervorrufen, wieder den Verstand kühlen. Endlich das Ende der 7. Runde ich habe inzwischen den Sinn des Handlaufs von Treppen kennen gelernt, Geländer klingt mir nicht sportlich genug, obwohl ich inzwischen eher climbe als laufe. Wieder die aufmunternden Worte der Ordner an den Wendepunkte, wie mögen die wohl unseren Gesichtsausdruck deuten? Die 8. Runde soll zur Schicksalsrunde werden. In gewohnter Form am Start vorbei, die ersten Zieleinläufer liegen schon auf der Massagebank, die erste Hälfte der Seerunde, inklusive der Treppen am Eingang des Areals geschafft, das verspüre ich plötzlich einen Krampf im linken Oberschenkel. Ich kann nicht mehr auftreten, das Bein nicht mehr durch strecken. Ich versuche die Muskulatur zu dehnen, den Schmerz durch Gegendruck zu lindern. Carsten überholt mich, weitere Sportler folgen Ihm ich weiß jetzt nicht, sind das schneller Läufer oder bin ich jetzt am Ende des Feldes. Ich schleppe mich mühsam weiter nach vorn, die Treppen werden zur Tortur, ich kann jetzt nicht wirklich sagen, ob Treppenauf- oder -absteigen angenehmer ist, mein Gesicht sagt wohl alles. Endlich habe ich den Start erreicht, es sind noch 2 Runden. Die schaffst du, und wenn du diese gehend oder humpelnd durchquerst. Irgendwie hat sich mein Körper meinem Geist gebeugt, das schwache Fleisch ist wieder stark geworden, der Krampf hat sich gelöst. Ich erkenne Carsten zwar noch am "Horizont" an Anschluss ist jedoch nicht mehr zu denken. Diese Runde kommt mir besonders lange vor, die Treppen steiler, vielleicht bin ich auch geschrumpft, wo ich am Anfang 2 Treppen mit einmal erklomm, habe ich jetzt Mühe diese einzeln zu erreichen. Wie gut, dass es im Inneren des Denkmals einen Fahrstuhl sogar bis zur Aussichtsplattform gibt. Ob die Besucher auch dann Eintritt zahlen würden, wenn Sie unsere Strecke gehen bzw. laufen müssten?
Jetzt geht es wieder berg- bzw. treppab, langsam, nicht stürzen, fast wäre ich ins Straucheln geraten.
Auf zur letzten Runde, noch mal alle Kräfte mobilisieren, die symbolische Glocke der letzten Runde einläuten...
Die Runde um den See, den Treppenaufgang, die Treppen der Ruhmeshalle, mit einem süffikanten Lächeln sich von den Ordnern verabschieden, eigentlich wünscht man sich doch sonst immer ein Wiedersehen, aber ich glaube, die haben den Wortwitz gut verstanden.
Zum letzten Mal die Steiltreppe hinab, das Ziel erscheint mir klar vor Augen, noch mal ein kurzer Sprint und dann ist es GESCHAFFT!!!
Mir kommen die Worte in den Sinn, das Spenden weh tun sollte, auch wenn dies wohl anders gemeint war, so kann ich diesem Satz nur zustimmen. Es kommen tatsächlich noch Läufer nach mir ins Ziel 2 Herren und 2 Frauen, so bin ich nicht Letzter geworden und mit einer Zeit von 54:32 min auch noch im "Limit" geblieben. Aber eigentlich ist dabei sein doch alles, und wie froh bin ich, dass ich gehen und laufen kann, das wird mir erst jetzt so richtig bewußt.
Die Siegerehrung kürt die Besten: 38:10 min bei den Herren, 41:16 bei den Frauen. Treppenlaufen wird wohl auch in der Zukunft nicht meine Lieblingsdisziplin werden, aber ich werden im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder dabei sein, vielleicht schaue ich ja doch mal beim Mittwochstraining vorbei.

And last but not least ist auch noch etwas Geld zusammengekommen 477,--€ für die "Mossy Foot Stiftung", auch das sollte nächstes Jahr zu toppen sein, vielleicht lassen sich einige Coachpotatos und Distanzsportler im nächsten Jahr begeistern, die Fußball-WM ist dann ein ganz alter Hut..

Thomas
Team 1 Läufer 28

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05.06.2010 - Marathon Stockholm