25.04.2010 - Leipzig Halbmarathon


Sport für Spenden - go East

Eigentlich hatte ich ja schon vor zwei Jahren von der Aktion "Sport für Spenden" erfahren, damals als Aushang in einer Vitrine am Ostbahnhof München. Als Absolvent der IHK bin ich mehrfach daran vorbeigegangen, damals noch als Besucher der "heimlichen Hauptstadt Deutschlands". Zwar hatte ich Interesse, mich mal wieder sportlich zu betätigen, doch ich war immer nur für ein paar Tage Gast in München. So sollten noch zwei Jahre vergehen, bis ich meinen Wunsch, durch Sport etwas Gutes zu tun, in die Tat umsetzen konnte.
Wir schrieben das Jahr 2008: inzwischen war ich im München gelandet, hatte dort eine Wohn- und Arbeitsstätte gefunden. Meine letzten Laufaktivitäten lagen nun auch schon gut 4 Jahre zurück, die Folgen waren ein "Wohlfühlgewicht" von fast 18 kg über meiner sportlich Bestleistung, welches Kurzatmigkeit beim Treppensteigen verursachte. Doch bereits durch ein stressiges Weihnachtsgeschäft im Jahr 2008 verlor ich 5 kg und war über den Verlust alles andere als traurig. Am Silvesterabend wieder mal die guten Vorsätze, diesmal sollte auch der längst geplante Sport wieder aufgenommen werden. Unsere Firma beteiligt sich seit einigen Jahren am B2Run-Lauf, so sollte für uns kurzerhand eine Trainingsgruppe mit professionellem Lauftrainer gegründet werden. In der Zwischenzeit ließen mich die ersten Sonnenstrahlen im März 2009 meine Stubenhockertätigkeit beenden. Langsam starten, das "Zusatzgewicht" ist bei jedem Schritt zu spüren, Geschwindigkeit ist eben keine Hexerei.
In der Folge trainiere ich nun drei- viermal die Woche und nehme an kleinen Wettkämpfen (10 km teil).
Meine Leistung verbessert sich ständig, die Pfunde purzeln weiter. Inzwischen ist der Entschluß gefaßt, die Marathondistanz anzugehen, inzwischen mit privatem Laufcoach.
Mein Ziel, die Unterstützung bedürftiger Menschen durch meine sportliche Aktivität, habe ich zwar nicht vergessen (u.a. Teilnahme am Run for Life 2009), doch den Verein "Sport für Spenden" habe ich "verloren", die Aushänge am Ostbahnhof existieren nicht mehr, ich kenne den korrekten Vereinsnamen nicht mehr, das Googeln im Netz bringt mich auch nicht weiter.
Erst durch einen Flyer, den ich bei einer Laufveranstaltung erhalte, finde ich wieder Kontakt und signalisiere meine Absicht die Idee im Jahr 2010 zu unterstützen.
Doch wahrscheinlich hat der harte Winter auch ein wenig die Organisation überrascht, so kann ich bei meiner Teilnahme am Westparklauf München und Forstenrieder Volkslauf nicht im Spendentrikot laufen.
Ich habe zwar mit meiner Anmeldung und der Vereinsbenennung die Idee unterstützt, doch da ich noch kein Laufshirt besitze werden meine gelaufenen Kilometer nicht für die Aktion gewertet. Schade!!!

Inzwischen hat sich bei mir beruflich einiges geändert. Ich habe ein Angebot wieder in meiner Heimatstadt Halle (Saale) zu arbeiten, Mitteldeutschland, etwa 450 km von München entfernt. Mein kompletter Trainingsplan wird umgearbeitet, der geplante Halbmarathon von Salzburg weicht dem Start in Leipzig. Zwar werde ich auch weiterhin bei dem einen oder anderen Lauf in Bayern, wenn möglich in München, starten, doch ich möchte zugleich die Idee des Vereins auch über die Grenzen Münchens hinaus bekannt machen.
Pünktlich mit meinem letzten Arbeitstag, ist mein Lauf-Shirt fertig, zum persönlichen Abholen komme ich gar nicht mehr, erhalte es aber wenige Tage später mit der Post.

Langsam fiebere ich dem ersten Auftritt im neuen Outfit entgegen. Bin ich sportlich gut vorbereitet, wie ist das Wetter, wie ist die Strecke, hat das Ferncoaching aus München funktioniert...???

Leipzig als DIE Sportstadt der ehemaligen DDR, mit langer Tradition: zahlreiche Olympioniken, Welt- und Europameister, Weltrekordler und Trainer kommen von hier; die DHfK als Sport- und Forschungsstätte, ein Ort, der auch Nichtsportler vor Ehrfurcht erschauern lässt. Später durfte ich dieses Stätte im Rahmen meines Studiums kennenlernen, jetzt als Sportwissenschaftliche Fakultät der Universität Leipzig. Doch das ist nun auch schon wieder 13 Jahre her, schießt es mir durch den Kopf, als ich am 24.04.2010, dem Vorabend des Laufs, meine Startunterlagen abhole. And last but not least gilt Leipzig als die Geburtsstunde des deutschen Marathons- am 5. September 1897 fand dieser statt und somit gerade mal 1 Jahr später, als der legendäre Lauf in Athen anlässlich der ersten Olympischen Spiel der Neuzeit.
Äußerlich haben sich die alten Uni-Gebäude wenig verändert, die Sporthallen sind die gleichen, doch die Menschen selbst weltoffener und älter geworden, das trifft auch auf mich zu. Früher hätte ich mir nicht vorstellen können, einfach "nur zu laufen", da musste es schon ein wenig mehr "Action" sein.

Und dann ist Leipzig auch noch die Geburtsstätte der friedlichen Revolution, die erst ein gemeinsames Deutschland ermöglichte, auch das ist schon 20 Jahre her.
Doch diese Gedanken verdränge ich schnell wieder, ein kurzer Gang an den Messeständen vorbei, da endlich ist das Meldebüro. Die Unterlagen sind vollständig, der Verein richtig geschrieben, dann kann es ja morgen losgehen. Die Nudelparty noch kurz mitnehmen, vielleicht erfahre ich ja noch etwas über die Strecke oder die Renntaktik der anderen Läufer.
Jetzt heißt es schnell nach Hause fahren und noch ein wenig Ruhe und Schlaf gönnen.

Es ist Sonntag, der Wettkampftag. Ich schaue aus dem Fenster, das Thermometer zeigt 12°C an, es ist erst 8 Uhr- die "Wetterfrösche" haben für heute 20°C (im Schatten) angesagt, die Strecke führt an historischen und geschichtsträchtigen Gebäuden vorbei, die Marathonis müssen diesen Kurs zweimal bezwingen, leider gibt es hier kaum Schatten. Der Rennbeginn für den Halbmarathon wurde auf 12.45 Uhr festgelegt, somit wird das Rennen zur Hitzeschlacht, und das mitten im April. Tags zuvor habe ich noch eine letzte Trainingseinheit absolviert, bei 2°C: "April, April, der weiß nicht, was er will."- offenbar sollte sich dies mal wieder bestätigen.
Ich "wärme mich kurz auf", gehe zum Start und lerne die anderen Läufer kennen. Der Marathon ist schon seit mehr als 2 Stunden im Gange, die Inline-Skater und Handbiker sind schon wieder im Ziel. Nach uns werden noch die 10 Kilometer-Läufer starten, insgesamt sind an diesem Tag mehr als 7600 Läufer aus 66 Ländern aktiv.
Der Veranstalter hat auf die Wetterbedingungen reagiert und die Wasserstationen verdoppelt, nun stehen alle 2,5 km kleine Erfrischungen zur Verfügung. Ich bin wie immer "Selbstversorger", möchte keine Zeit an den Wasserstationen verlieren, sondern nutze das Wasser nur als Gesichtsdusche.
Einem erfolgreichem Start steht nun nichts mehr im Wege. Viel zu langsam vergeht die Zeit bis zum Start, doch der Veranstalter hat sich etwas einfallen lassen. Während wir in der Startaufstellung warten, kommen uns die ersten Finisher des Marathons im Ziel entgegen, begeistert gefeiert von den zahlreichen Zuschauern und natürlich von uns.
Da ist auch schon der Countdown, alle zählen wir lauthals mit, und schon startet die "Reise" durch die Geschichte und Gegenwart per pedes. Ich komme gut voran, merke allerdings, dass ich ein wenig zu schnell gestartet bin. Wird sich dies am Ende rächen, oder schaffe ich die von meinem Trainer prognostizierte Zeit (</=01:38:00 h)? Ich habe mich im Ziel verabredet, und diese Zeit benannt.
Links die Fasaden der Innenstadt mit dem Neuen Rathaus, geht es nun in Richtung Altes Messegelände, dazwischen der erste Wasserpunkt. Im Vorbeilaufen einen Wasserbecher greifen, ab ins Gesicht, einen zweiten in den Nacken, das klappt doch wie am Schnürchen. Ich musste nicht anhalten und habe somit auch keine Zeit verloren, inzwischen habe ich darin Routine entwickelt.
Erst jetzt bemerke ich, wie lang Straßen sein können, mit dem Auto in wenigen Minuten durchgebraust, kommt mir diese nun im Lauftempo unendlich vor. Da sehe ich auch schon den Radarkasten auf der Prager Straße, der auch schon ein Bild von mir geschossen hatte. Wie gerne hätte ich dies heut geschafft, die Höchstgeschwindigkeit auf dieser Straße beträgt 50 km/h; schnell verwerfe ich diese Idee.
Da "nähert" sich schon das Völkerschlachtdenkmal: Symbol der Befreiung Europas vom Joch der französischen Diktatur unter Napoleon Bonaparte. Das Rechtsfahrgebot im Straßenverkehr stammt übrigens aus dieser Zeit, heute jedoch hat kein Autofahrer die Chance uns zum Überholen, die Strecke ist weiträumig gesäumt. Leider gibt es wohl doch einige unverbesserliche Kfz-Jünger, die weder das schöne Wetter zu einem besinnlichen Spaziergang noch zur Anfeuerung nutzen. Die Veranstaltung findet jedes Jahr zur gleichen Zeit statt und ist rechtzeitig angekündigt. In einigen Seitenstraßen warten hupende Autos: "Wer lesen kann ist klar im Vorteil",- schießt es mir durch den Kopf und ich lächle ein wenig. Dabei muss ich schon die Zähne zusammenkneifen, mein Anfangstempo fordert Tribut. Doch die zahlreichen Menschen am Straßenrand, die Straßenmusiker und auch die vor mir laufenden Sportler motivieren mich, du schaffst es, sage ich mir immer wieder.
Bei Kilometer 12 erfolgt eine Kehre, ich sehe die Gesichter der Spitzenläufer, aber auch Menschen, denen es offenbar genauso geht wie mir. Inzwischen kann ich sogar mein Tempo wieder etwas steigern, haben dazu auch die zahlreichen "Auslagen" in den Schaufenstern beigetragen? Ich laufe durch die Richard-Lehmann-Straße, die Automeile in Leipzig. "Freude am Fahren" - "Freude am Laufen" dichte ich dazu und mir fällt im gleichen Atemzug München und die Motivation meines Laufens ein. Vielleicht geht es anderen auch so, offenbar haben einige Passanten den Slogan meines Shirts gelesen und Nicken und Klatschen mir zu. Solidarität und Spendenbereitschaft kennen eben keine Grenzen.
Bei Kilometer 15- meine vorletzte Trinkflasche gelehrt- greife ich wie gewohnt einen Wasserbecher als Dusche und muss feststellen, das der Inhalt nicht wie gewohnt erfrischt, sondern klebrig an mir herunter rinnt. Zum Glück trage ich eine Brille, sonst hätte der Isodrink mich aus der Bahn geworfen. So komme ich mir wie ein Football-Coach vor, der nach dem Gewinn der Super Bowl die obligatorische Gatorade-Dusche erhält. Schnell noch ein Becher klares Wasser und dann das letzte Viertel.
Ich stelle mir jetzt eine Torte vor, die schon zu drei Viertel verzehrt ist. Komisch, woran man alles beim Laufen denkt, ein Stück Torte habe ich mir aber nach dem Lauf verdient beschließe ich. Mein letztes Essen war schließlich ein Frühstück und beim Zieleinlauf ist Kaffeezeit.
Jetzt stoßen die nach uns gestarteten 10km-Läufer zu uns, Ihre Strecke endet mit unserer, meine Motivation und mein Ego steigen, natürlich lassen wir uns nicht anmerken, dass wir 10 km mehr in den Knochen haben.
Die letzten Kilometer wollen nicht enden, dabei kenne ich doch die Strecke, bin diese jeden Tag zum Studium gefahren. Jetzt suchen meine Augen die Entfernungsmarkierungen und das große Zählen beginnt. 16, 17, 18, 19 km, das kommt die letzte Verpflegungsstation bei Kilometer 20.
Meine Waden brennen, die Schuhe schlürfen nur noch über den Asphalt. Ich erahne auf der rechten Seite die Sport-Uni und weiß, von hier sind es nur noch wenige Hundert Meter bis ins Ziel. Die Zuschauer drängen sich immer dichter an die Absperrungen und versuchen Ihre Angehörigen zu erkennen. Jetzt noch um die Kurve und die letzte Kräfte mobilisieren, für einen Endspurt reicht es heute leider nicht mehr. Da ich meine Pulsuhr unterwegs leider gestoppt hatte, bin ich nun nicht mehr sicher wie meine Zeit ist, ob ich mein Ziel geschafft habe. Auf der Zieluhr läuft die Gesamtzeit der Marathonis, die um 10 Uhr gestartet waren, ich versuche zu rechnen, was mir gegenwärtig nicht so einfach erscheint. Dann kommt ja noch der Startabzug, es sollte eigentlich gereicht haben. Überglücklich nehme ich die Finisher-Medaille im Empfang, auf der Rückseite werde ich noch einmal daran erinnert, dass in diesem Jahr der legendäre erste Marathon seinen 2.500 Geburtstag feiert.
Genau in diesem Jahr möchte ich meinen ersten Marathon starten, in Berlin mit Zieleinlauf durch das Brandenburger Tor, auch ein historisches Gebäude mit bewegter Geschichte für Ost und West und Symbol der Verständigung und Einheit des Deutschen Volkes.

Ich nehme noch eine kleine Stärkung, ein neues Energiegetränk verspricht Energie und "sofortige" Regeneration, mir wäre jetzt lieber, ich könnte fliegen, schließlich habe ich noch einen langen Fußweg zu meinem Auto, welches am Rande der Stadt steht. Ich lehne dankend den Haferschleim ab, ich denke mal ich bin inzwischen erwachsen. J
Endlich bin ich zu Hause, packe meine Sachen aus, da surrt auch schon mein Handy. Gratulation zu deiner Laufzeit lese ich da: 01:36:05, ich kann es selbst gar nicht glauben. Fast 2 Minuten schneller als erwartet. Und 136 von 1514 Männern war für mich doch überraschend und zugleich Ansporn für weiteres Training.

Überglücklich über das Ergebnis, aber auch mit meinem Lauf die Aktion "Sport für Spenden" unterstützt zu haben, lasse ich den Tag in Ruhe ausklingen, mit der Gewissheit, dass das zwar der erste, nicht der letzte Lauf im SfS-Outfit gewesen ist.

Thomas Team 1 Läufer 29

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